Erste Szene: Advent 2015, mit Freunden besuchen wir den Adventsmarkt am Grazer Schlossberg. Es ist einer der „besseren“ Adventsmärkte, man findet dort kein Plastik sondern viel aus natürlichen Materialien, keinen massenproduzierten Ramsch sondern Schönes, Handgemachtes. Wir schlendern durch die Menschenmengen, trinken einen Glühwein, plaudern.

Der Teenager-Sohn steuert auf einen Stand mit vorwiegend Genähtem zu: Stofftaschen, Kissen, bunte „Leseknochen“. Er wünscht sich schon lange einen Leseknochen. (Ein Nackenkissen in Form eines Knochens.) Während wir hingehen überlege ich, wie viel ich dafür zu zahlen bereit bin und rechne mit einem Preis von mindestens 30, vielleicht 35 Euro. 40 Euro wäre für mich an diesem Tag die Schmerzgrenze für den Leseknochen, lege ich innerlich fest.

Der ausgeschriebene Preis ist 15 Euro. 15 Euro!? Ich sage laut zu der Dame: „Das ist zu billig! Um diesen Preis kaufe ich diesen Leseknochen nicht.“ Sie schaut mich überrascht an, sagt, da wäre ich aber die Einzige. Viele Kunden seien nicht einmal bereit, diesen Preis zu zahlen und würden sie noch weiter herunterhandeln wollen. Ich sage: „Dann sind das nicht die Kunden, an die Sie Ihre Produkte verkaufen wollen.“ Sie sagt, es wäre ja nur ein Nebenverdienst für sie. Ich frage die Verkäuferin, wie lange sie an so einem Leseknochen arbeitet? Zwei Stunden? Für Zuschneiden, Nähen, Ausstopfen, das Material noch gar nicht mitgerechnet? Sie sagt: „Aber ich mache das doch gerne. Ich sitze halt dann am Abend beim Fernsehen und stopfe sie aus, das geht ja so nebenher.“ Sie lässt sich auch nach Preisverhandlungen nicht mehr als 15 Euro für das Kissen geben. Ich bitte sie zum Abschluss, ihre Preise zu überdenken, und die Leseknochen neu und höher auszupreisen.

Zweite Szene: Eine meiner Freundinnen hat einen Stand bei einem Weihnachtsmarkt am Land, bei dem sie ihre handgestrickte Wollsocken mit aufwändigen, zweifarbigen Mustern um 45 Euro ausgeschrieben hat. (Dabei war ihr Stundenlohn schon gering bemessen.) Zwei Stände weiter verkauft eine Dame handgestrickte Wollsocken um 15 Euro das Paar. Meine Freundin geht hinüber und fragt, wie die Dame dieses Socken so billig anbieten könne? Die Dame antwortet: „Ja schaun Sie, ich habe da eine Runde älterer Damen, die stricken doch so gerne! Und der Erlös kommt dem Tierheim zugute.“ Was soll man da sagen?

Das sind zwei Beispiele aus unzähligen, wie Herstellerinnen von Handgemachtem ihre Produkte unter ihrem Wert verkaufen. Nicht nur auf Märkten, auch auf Internet-Verkaufsplattformen sieht man das häufig. So häufig, dass es gewerblichen Anbieter/innen immer schwerer fällt, die Preise zu verlangen, die sie eigentlich verlangen müssen, wenn sie davon leben wollen. Wenn es Spaß macht, darf es nichts kosten? Wenn man es als Hobby betreibt, muss man nicht so kalkulieren wie jemand, der die Herstellung gewerblich betreibt? (Obwohl: Einen Gewerbeschein hatte die Dame mit dem Leseknochen, das wird in Österreich streng gehandhabt.)

Wie respektlos (oder vielleicht auch nur gedankenlos) manche Kund/innen mit handgemachten Produkten umgehen, erfahren viele Hersteller/innen im Bereich „Handmade“. Über den Wert und die Wertschätzung für Handgemachtes haben sich schon einige Blogger/innen Gedanken gemacht. Sehr lustig – wenn es nicht so traurig wäre – finde ich auch ein Bullshit-Bingo, das die Bloggerin Ella von Ringelmiez gemeinsam mit ihren Leserinnen zum Thema zusammengestellt hat, mit all den Sprüchen, die sich so manche/r manchmal anhören muss.

Es ist eine alte Marketing-Weisheit, dass die Niedrigpreis-Strategie nicht immer die beste ist. Das gilt für exklusive Waren, die genauso in Südostasien hergestellt werden wie die Billigprodukte, aber allein schon durch ihren hohen Preis eine Klientel anziehen, die Wert auf Qualität und Statussymbole legt.

Das Bewusstsein steigt. Es gibt inzwischen Konsument/innen, die bei zu niedrigen Preisen misstrauisch werden, wenn sie auf der Suche nach bei uns in Mitteleuropa hergestellten Produkten sind. Und umgekehrt gibt es immer mehr Produzent/innen, die sich weigern, mit billig hergestellten Waren aus Südostasien in Preiskonkurrenz zu treten und die sich trauen (Achtung! Es ist auch ein Frauenthema, aber das würde jetzt zu weit führen), faire Preise für ihre Arbeit zu verlangen.

Wer das Gefühl hat, es sei doch nur ein Hobby für ihn/sie, der/die soll die Sachen bitte verschenken. Aber bitte auch nur an Menschen, die das Geschenk wirklich zu schätzen wissen. Aber er/sie soll bitte nicht die Preise kaputtmachen für diejenigen, die versuchen, von dieser hochwertigen Arbeit zu leben.

Liebe Frauen: Nehmt Eure Arbeit ernst. Nehmt Eure Kosten ernst. Nehmt Euch selbst ernst! Seid mutig und nennt den Preis, den Ihr verlangen wollt, verlangen müsst, um angemessen von Eurer Arbeit leben zu können. Es gibt genug Leute da draußen, die bereit sind, diese angemessenen Preise zu bezahlen. Und die anderen Kund/innen: Erzieht diese Leute! Sagt Ihnen, dass Ihr Eure Sachen nicht an sie verkauft. Fordert den Respekt ein, den Ihr und Eure Arbeit und Eure guten Produkte verdienen.

Susanne vom Blog Mamimade schreibt immer: „Wir kennen von allem den Preis, aber von nichts mehr den Wert.“ Hier, bei uns auf Temysto, wo wir die Geschichten der Dinge erzählen wollen, geht es um den Wert und weniger um den Preis.

Ich weiß natürlich, dass es genügend Produzent/innen da draußen gibt, die sich ihres eigenen Wertes und des Wertes ihrer Produkte bewusst sind, die sich bereits einen Namen gemacht haben und angemessene Preise verlangen. Diese Produzent/innen brauchen Temysto wahrscheinlich nicht (nicht mehr) als Plattform. Aber für die anderen, diejenigen, die unter dem hausgemachten Preisdumping für Handgemachtes leiden und keine rechte Plattform für den Verkauf finden, auf denen ihre Produkte die Würdigung bekommen, die sie verdienen: Für all diese ist Temysto da.

Schreibe einen Kommentar

Zur Werkzeugleiste springen